Kunst

Feldstück 9/II

Feldstück 9/II, ein Ölgemälde von Ralph Fleck, geb. 1951, in Freiburg (Kirchzarten) und auf Mallorca lebend und arbeitend.

Pastös aufgetragene Farbe, vorwiegend intensive Blautöne, zieht mich bei jeder Betrachtung in Bann, die Größe (140 x 160 cm) verstärkt die kräftige Wirkung.

Blau, die Farbe hat nicht nur auf mich eine besondere Wirkung, sie ist die Farbe der Sympathie, der Harmonie und der Treue. Sie ist die „weibliche“ Farbe und die Farbe der geistigen Tugenden. Die Farbe blau erzeugt gute Gefühle. Assoziation zur „Blauen Blume“, den Inbegriff der Dichtung in der Romantik, stellen sich ein, Blau steht für Sehnsucht. Trotzdem ist blau kalt und fern. Blau schafft perspektivisch Illusionen von Raum.

Das „Feldstück 9/II“ fordert uns auf, genau hinzuschauen. Beim ersten Eindruck besticht das Bild als solches, die beherrschende blaue Farbe fasziniert, das Auge findet die einzelnen -nicht auf den ersten Blick erkennbaren – Lilien, sie sind in hellblau bis diversen weißen Tönen eingeflochten. Sie verlieren sich im Blau und sind dennoch präsent, sie scheinen sich leicht im Wind zu neigen. Erst intensive Betrachtung lässt die vielfältig verwendeten weiteren Farben erkennen, sie sind nicht sparsam verwendet und ordnen sich dennoch der Dominanz des Blaus unter. Unzählige Grüntöne von Tiefgrün bis hin zum fast leuchtenden Lindgrün stellen die Verknüpfung zwischen Himmel und Erde dar. Fleck hat im Bild dem Blau den Vorrang eingeräumt, warum blau, warum hat er es Feldstück genannt? Das Blau des Himmels reicht bis zur Erde? Die perspektive Verzerrung beim Blick in die Landschaft hat er sich zu eigen gemacht. Neben den diversen Grüntönen finden sich Ocker bis Braun, abgerundet wird es durch äußerst sparsam gesetzte kleine Akzente, fast punktartig, von gelb und rot. Die unbewusste (?) Raffinesse – ein spezifisches Merkmal der Malkunst von Ralph Fleck – ist, dass jeder der breiten Pinselstriche stets aus einer Variation des jeweiligen Grundfarbtons hervorgeht, es entsteht eine stimmige Farbigkeit, das Malen mit breitem Pinsel, sorgt dafür, dass die Wirkung nicht verfehlt wird.

Viele seiner Werke beschäftigen sich mit Landschaften/Natur, Lebensmittel haben ebenfalls einen großen Raum. Daneben finden wir Stadtansichten. Er verwendet häufig große Formate, sie wirken daher „beherrschend“, sie sind stets pastös aufgetragen und farbintensiv. Der ihm eigene Stil, in jedem bereiten Pinselstrich eine Palette des jeweiligen Farbtons zu benutzen, schwung- und kraftvoll aufgetragen, zeigt, welche Energie er in seine Werke legt. Diese Energie empfindet der Betrachter, sie hat eine Übertragungswirkung auf ihn, es rundet seine Kunst ab.

Als ich Ralph Fleck bat, etwas zu dem Bild zu sagen, antwortete er, dass er male und sich dadurch ausdrücke, eine vokale Erklärung gäbe er nicht. Sein Medium sei die Malerei, die alles ausdrückt, was er mitzuteilen hat.

Feldstück 9/II – „Die Lilien“ – erfreut, begeistert und fasziniert bei jeder Betrachtung.

Renate Koetter
Juni 2024

Renate Koetter
06/2024

Cassandra

Lambert Maria Wintersberger 1941-2023

Cassandra Hughes, 1972
Öl auf Leinwand, 150 x 120 cm

Aus der Portraitserie des Künstlers ist das Bild „Cassandra Hughes“ von besonderer Ausdruckskraft. Gezeigt wird nur der Kopf. Der Blick konzentriert sich sofort auf die Gesichtsstruktur mit Mund, Nase, Augen und dem pastos hervorgehoben Ohr. Die Farbflächen sind im Übrigen glatt mit sehr feinen Farbabstufungen. Der Künstler zeigt, wie er das Psychische, dies ist die Wirklichkeit, durch seine Arbeit als Maler darstellen kann. Der Maler seziert die Persönlichkeit in Gestalt des Portraits. Ein großartiges Bild.

Dieter Gersemann
31. Oktober 2023

Cassandra Hughes, ein Portrait des Malers Lambert Maria Wintersberger (1941 – 2013)

Öl auf Leinwand, 150 x 120 cm, schaut auf mich herunter. 1972 malte Wintersberger dieses Portrait, eines, was sich in die lange Reihe seiner Portraits einfügt, eine gespaltene Persönlichkeit, aufgeteilt in vier „Zonen“. Ohne Umschweife ist für jeden Betrachter zu erkennen: Wir sehen eine „depersonalisierte Person“ in ihren Widersprüchlichkeiten und Gegensätzlichkeiten. Eine Selbstentfremdung einer Frau in den besten Jahren, keine freudige, aber überaus interessante, neugierig machende Ausstrahlung geht von ihr aus. Sie wirkt einerseits als „Maske“ und dennoch als eine Person mit einem individuellen, autonomen Selbst andererseits.

Das Gemälde ist überwiegend in den diversesten Grautönen gehalten. Es ist eine sorgfältige handwerkliche Arbeit, hat glatte, schroff und zugleich weich wirkende, schattenreiche Flächen zu einem ausdrucksstarken Frauenportrait werden lassen. Der Kopf mit Hals und dem Schulterbereich ist mit einem senkrecht verlaufenen Strich in zwei Hälften geteilt, ein weiterer Stich teilt das Gesicht diagonal, sodass vier Sinnesorgane in verschieden angeordneten Höhen die Gesichtspartie darstellen. Das rechte sichtbare Ohr ist überdimensional groß, betont durch hellere Grau- bis Weißfarbnuancen, pastös, das rechte Auge hellblau leuchtend – schielend, hat den Betrachter sofort fixiert, es strahlt Magie und Fiktion aus. Mund und Kinn sind andeutungsweise – halbiert dargestellt, die linke Gesichtshälfte komplettiert das Gesicht durch Nase, markantes als „Knopf“ hervorgehobenes Kinn, zwei unschöne, weiß aus dem Mund leuchtende Schneidezähne. Das den Betrachter von links anschauende Auge sitzt höher, wirkt trüb und – auf mich – „gnädiger“. Die linke Stirnhälfte ist durch dunkle Farbgebung als „Denkerstirn“ gemalt, die rechte wirkt schlaffer und unbedeutender. Zusammengehalten werden die vier „Gesichtsteile“ durch das alles umrahmende, weich fallende, mit rötlichen Strähnen durchzogene Haar. Cassandras weicher Hals- und Schulterbereich wirkt anziehend erotisch. Nicht unbeachtet darf die Verhältnismäßigkeit zwischen der Länge des Halses und des Kopfes bleiben. Der lange, starke Hals trägt den „wirren“ Kopf wie eine Säule und erzeugt dadurch eine „Stabilität“. Je länger ich mich mit Cassandra „unterhalte“, um so farbiger erscheint sie mir in ihrer Grauheit.

Sie ruft bei mir kein Erschrecken hervor, sie hat auf mich eine beruhigende und fordernde Wirkung, so, als ob sie uns einen Spiegel vorhalten will: Sind wir nicht alle in uns gespalten? Haben wir nicht alle diverse, vielfältige Facetten der unterschiedlichsten Empfindungen, Gefühle und Ausdrucksebenen in uns? Will uns Wintersberger aufrütteln, Menschen differenzierter zu betrachten und alle Möglichkeiten der Verschiedenartigkeit eines Menschen zuzulassen? Sind wir uns bewusst, was wir alles in uns vereinen?

Renate Koetter
November 2023

Der Augenblick sucht sein Ziel.
Lang genährte Ahnung wird plötzlich lebendig.
Zerstörung brodelt unter der schönen und perfekten Oberfläche.
Die Maske birst und Wahnsinn blickt mich an.

Anne
19. November 2023